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01.03.2021

Stresseffekte

Unser aller Alltag ist stressig. Wir kommen gestresst von der Arbeit nach Hause, unsere Kinder stressen uns manchmal, wir hetzen gestresst von einem Termin zum nächsten. Ganz normaler Alltagsstress eben. In Extremsituationen, in denen wir an unsere Grenzen geführt werden, weil es sogar möglicherweise ums blanke Überleben geht, kommt allerdings eine andere, viel unmittelbarere Form von Stress zum Vorschein. Dahinter steckt die Natur, die mit einem Cocktail aus Stresshormonen (hauptsächlich Adrenalin und Noradrenalin) versucht, den menschlichen Körper leistungsfähiger zu machen und ihn so bei einer Flucht- oder Kampfreaktion zu unterstützen. Vereinfacht dargestellt konzentriert der Körper seine gesamte Energie darauf, die Gefahr abzuwehren, oder ihr zu entkommen. Alle Körperfunktionen, die dazu nicht unbedingt notwendig sind, werden abgeschaltet. Welche Phänomene dabei konkret auftreten, ist von Ereignis zu Ereignis und Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es kann aber durchaus eine Häufung bestimmter Reaktionen festgestellt werden, die im Folgenden kurz beschrieben werden.

Tunnelblick

Die wohl bekannteste Form der Wahrnehmungsveränderung, die der ein oder andere vielleicht schon einmal selbst erleben konnte, ist der Tunnelblick. Dabei verengt sich das Blickfeld, zentriert sich auf die Gefahrenquelle und man ist nicht mehr in der Lage Dinge wahrzunehmen, die sich links oder rechts der Gefahr abspielen. Einschränkung des Gehörsinns Der Gehörsinn ist für die unmittelbare Abwehr einer Gefahr meist nicht dringend erforderlich, weshalb unter Stress teilweise sogar Schüsse nicht „gehört“ werden.

Zeitlupe

Während man die Situation erlebt, kommt einem der Handlungsablauf extrem verlangsamt vor. Dinge bewegen sich wie in Zeitlupe, Handlungsstränge von nur wenigen Sekunden werden als Ereignisse wahrgenommen und beschrieben, die wesentlich länger gedauert hätten.

Außenperspektive

Manche Menschen berichten, dass sie das Ereignis als Beobachter, der wie in einem Computerspiel über ihnen geschwebt ist, wahrgenommen hätten. Sie konnten ihre eigenen Handlungen aus der Perspektive eines (nicht real vorhandenen) Dritten beobachten.

Versagen von Körperfunktionen

Die Ringmuskeln im Bereich der Blase und des Darms werden vom Körper als nicht entscheidend für die Abwehr der Gefahr erachtet und dementsprechend „deaktiviert“. Personen können sich einnässen und/oder einkoten. Das hat in den meisten Fällen nichts mit „Angst“ zu tun, sondern ist eine ganz normale Stressreaktion, die auftreten kann und nicht steuerbar ist.

Zittern

Ist die Gefahr gebannt, beginnen Personen sehr oft hemmungslos zu zittern. Auch das ist wiederum kein Zeichen von Angst oder Schwäche. Der Körper versucht durch die Muskelkontraktionen den nun nicht mehr benötigten Adrenalincocktail abzubauen und so wieder in einen Normalzustand zurückzukehren.

Der Hintergrund

Warum ist es wichtig, zumindest grundlegendes Wissen über Auswirkungen von Stress zu haben? Zum einen sollte ein vernünftiges Training den Faktor Stress aufnehmen und integrieren. Nachdem grundlegende Techniken erlernt und gefestigt wurden, sollte schrittweise das Stressniveau angepasst werden, um den Trainierenden an dieses Gefühl zu „gewöhnen“. Natürlich darf man sich nicht der Illusion hingeben, denselben Stresslevel wie er z.B. in einer Notwehrsituation vorherrscht, künstlich erzeugen zu können. Auch eine Annäherung bringt aber meist schon einen massiven Erkenntnisgewinn für den Teilnehmer und bietet die Möglichkeit, Ausrüstung, Taktik und Fähigkeiten unter möglichst „realen“ Bedingungen einer Überprüfung zu unterziehen. Der zweite wesentliche, aber oftmals übersehene oder belächelte Aspekt dieses Wissens ist die psychische Verarbeitung des Geschehenen im Nachhinein. Wenn jemand weiß, dass z.B. ein Versagen von Körperfunktionen eine oft beobachtete Stressreaktion ist, die schon vielen anderen Personen in ähnlichen Situationen passiert ist, verringert sich die Gefahr, dass man sich selbst in Frage stellt enorm. Selbstzweifel und ernsthafte Krankheiten wie Posttraumatische Belastungsstörungen haben es so wesentlich schwerer den Geist zu vergiften und die dritte Phase der Notwehr noch herausfordernder zu machen. Doch das ist ein ganz eigenes Thema für einen weiteren Newsletter 😊

Alle unsere Ausbildungen schließen mit einem Szenario ab, in dem ein gewisses Stressniveau aufgebaut wird, um den aktuellen Trainingsstand effektiv abfragen zu können. Wichtig ist, dass dieses Niveau im Laufe der Ausbildung nur graduell gesteigert und im Zuge des Abschlussszenarios an den Teilnehmer individuell angepasst wird. Somit wird ein Umfeld geschaffen, in dem der Teilnehmer auch bestehen kann und nicht durch Überforderung zusätzliche Barrieren oder Ängste aufbaut.




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